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Systemische Arbeit

„Reiß dich zusammen“

Was mein Zusammenbruch mir über generationenlange Muster gezeigt hat

Es war ein ganz normaler Tag, bis er es nicht mehr war. Zwei kleine Kinder, ein Schreibaby, ein Mann, der unter der Woche im Ausland arbeitete, Nächte ohne Schlaf, Tage ohne Pause. Ich war zweieinhalb Jahre lang ein Schatten meiner selbst gewesen. Und dann, an diesem einen Tag, konnte ich nicht mehr. Ich bin einfach von zuhause weggegangen.

Ich habe meine Mama angerufen. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht mehr kann. Dass ich am Ende bin. Dass ich Hilfe brauche. Und sie hat geantwortet: „Reiß dich zusammen.“

Dieser Satz hat mich tiefer verletzt, als ich es damals fassen konnte. Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, warum. Und noch mehr Jahre, um zu verstehen, dass dieser Satz nicht wirklich meiner Mama gehörte – er gehörte einem ganzen System, das sich seit Generationen so über Wasser hielt.

Wie Erschöpfung systemisch weitergegeben wird

Meine Mama war elf, als ihr Vater plötzlich starb. Meine Oma war eine 36-jährige Witwe mit sechs Kindern. In dieser Familie gab es keinen Raum für Gefühle, keinen Raum für Trauer. Es gab nur das Weitermachen. Überleben. Funktionieren. „Reiß dich zusammen“ war kein grausamer Satz meiner Mama – es war der einzige Satz, den sie selbst kannte, wenn es unerträglich wurde.

In der systemischen Arbeit sprechen wir von transgenerationaler Weitergabe: Was eine Generation nicht fühlen, nicht trauern, nicht lösen kann, wandert weiter. Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als unsichtbare Loyalität. Kinder übernehmen die Gefühle, die Strategien, die Überzeugungen ihrer Eltern – vor allem dann, wenn diese nie ausgesprochen werden. Und sie geben sie, wenn sie selbst nichts verändern, an ihre eigenen Kinder weiter.

Meine Erschöpfungsdepression war nicht nur meine Erschöpfung. Sie war auch die Erschöpfung meiner Mama, die als Kind einen Vater verlor und nicht trauern durfte. Sie war auch die Erschöpfung meiner Oma, die sechs Kinder durch eine Zeit trug, die kein Mensch allein tragen sollte. Dass ich zusammenbrach, war kein Versagen – es war vielleicht das erste Mal, dass jemand in dieser Linie hinfiel, statt sich zusammenzureißen.

Warum Zusammenbrechen manchmal der Anfang der Heilung ist

Lange habe ich mich für diesen Zusammenbruch geschämt. Ich dachte, ich sei schwach gewesen. Heute weiß ich: Ich war nicht schwach. Ich war die Erste in einer langen Reihe starker Frauen, die endlich zugeben durfte, dass die Last zu groß war. Und dass „Reiß dich zusammen“ keine Strategie ist, sondern ein Notpflaster aus einer Zeit, in der es keine andere Option gab.

In der systemischen Arbeit durfte ich dieses Muster anschauen. Ich durfte meine Mama sehen, wie sie war – als Kind, das sich zusammenreißen musste, und als Erwachsene, die nichts anderes weitergeben konnte als das, was sie selbst bekommen hatte. Ich durfte meine Oma sehen, die tat, was sie konnte. Und ich durfte mich selbst sehen – nicht als Versagerin, sondern als diejenige, die den Mut hatte, den Kreislauf zu unterbrechen. Vor mir hat sich niemand erlaubt, zusammenzufallen.

Ich durfte fallen. Und aus dem Fallen entstand etwas Neues.

Was ich heute an meine Kinder weitergeben möchte, ist nicht „Reiß dich zusammen“. Es ist: „Du darfst fühlen. Du darfst müde sein. Du darfst Hilfe brauchen. Und du musst das nicht allein tragen.“

Wenn du gerade am Ende deiner Kräfte bist –

oder wenn du spürst, dass du Muster weitergibst, die gar nicht von dir stammen, dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein, und du bist nicht schwach. Manchmal braucht es einen Raum, in dem sichtbar werden darf, was über Generationen getragen wurde. In der systemischen Arbeit schaffen wir diesen Raum gemeinsam.