Das brave Mädchen, das alle hielt
Warum ich als Kind zur Erwachsenen wurde, und wie systemische Arbeit mir meine Kindheit zurückgab.
Ich war vielleicht acht Jahre alt, als ich zum ersten Mal spürte, dass ich aufpassen musste. Nicht nur auf mich, sondern auch auf die anderen. Wenn meine Eltern stritten, stellte ich mich schützend vor meine jüngere Schwester. Ich war die Barriere zwischen dem Lärm der Erwachsenen und ihrer kindlichen Angst. Dass ich selbst ein Kind war, das jemanden gebraucht hätte, der sich vor mich stellt, habe ich erst viel später verstanden.
Wenn beide Eltern zu Hause waren, lag eine ständige Anspannung in der Luft. Es gab immer wieder Streit und nie eine Versöhnung. Nichts wurde geklärt, man machte einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Was mir als Kind am meisten fehlte, war Sicherheit. Ich wusste nie, wann es das nächste Mal laut werden würde. Mein Nervensystem hat sich daran angepasst: Ich begann zu kontrollieren, was sich kontrollieren ließ. Alles richtig machen, möglichst perfekt sein. So konnte ich die Unsicherheit aushalten. Ich wurde zur Stütze für meine Mama, von der ich glaubte, dass sie am meisten Halt brauchte, und für meine Schwester, die sich so fürchtete. Ich habe ausgehalten, gelächelt, wenn mich jemand verletzte, und heimlich geweint.
Ich konnte nur dann wirklich durchatmen, wenn wir Besuch aus Dänemark hatten, der bei uns wohnte. Dann konnten sich meine Eltern beherrschen. Dann durfte ich für ein, zwei Wochen die Verantwortung abgeben und einfach Kind sein. Als die Gäste wieder abreisten, machte sich eine Einsamkeit in mir breit, für die ich damals keine Worte hatte.
Was systemisch geschieht, wenn Kinder die Last der Eltern tragen
In der systemischen Arbeit nennen wir das Parentifizierung: Kinder übernehmen emotional oder faktisch die Rolle der Eltern. Sie werden zu kleinen Partnern, Vermittlern, Therapeuten ihrer Eltern. Das passiert nicht, weil das Kind besonders stark wäre, sondern weil im System etwas in Unordnung geraten ist.
Bert Hellinger nannte es die „Ordnungen der Liebe“: Eltern geben, Kinder nehmen. Wenn dieser Fluss sich umkehrt – wenn das Kind gibt und die Eltern nehmen – gerät ein Grundgesetz des Systems durcheinander. Das Kind spürt unbewusst: Hier stimmt etwas nicht. Aber weil Kinder ihre Eltern lieben und ihnen helfen wollen, übernehmen sie. Sie tragen, was nicht zu tragen ist. Sie verkleinern sich, um nicht zur weiteren Last zu werden. Und oft merken sie bis ins Erwachsenenalter nicht, dass sie ein Leben lang etwas geschultert haben, das nie ihnen gehörte.
In meinem Fall trugen meine Eltern selbst unverarbeitete Lasten: ein plötzlich verstorbener Vater, um den niemand trauern durfte. Eine junge Mutter, die sechs Kinder großziehen musste, ohne Raum für den eigenen Schmerz. Das Aufwachsen bei einer Pflegefamilie und die Ungleichbehandlung von Geschwistern. Wenn Erwachsene ihre Lasten nicht tragen können oder dürfen, suchen diese Lasten sich jemanden, der sie aufnimmt. Oft sind das die Kinder.
Was die Lösung möglich macht
Heute weiß ich: Die Liebe eines Kindes ist grenzenlos. Aber gerade weil sie das ist, brauchen Kinder Erwachsene, die Grenzen halten – die eigenen und die des Kindes. Was mir in der systemischen Arbeit geschenkt wurde, war eine einfache und doch umwerfende Bewegung: das zurückzugeben, was mir nie gehört hat. Symbolisch, innerlich, manchmal in einer Aufstellung – zu sagen:
Das ist deins, Mama. Das ist deins, Papa. Ich bin nur das Kind.
Diese Rückgabe ist keine Abwertung. Sie ist ein Akt der tiefen Würdigung. Denn erst wenn ich aufhöre, die Last meiner Eltern zu tragen, traue ich ihnen zu, dass sie ihr eigenes Leben bewältigen können – auch wenn sie es vielleicht anders bewältigen, als ich es mir wünschen würde. Und erst dann darf ich selbst Mensch sein, mit eigenen Bedürfnissen, eigenen Träumen, eigenem Platz.
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst –
wenn du ein Leben lang funktioniert hast, für andere da warst, dich selbst hintangestellt hast und dich fragst, wer du eigentlich bist, wenn du nicht mehr gebraucht wirst – dann ist vielleicht der Moment gekommen, hinzuschauen. Systemische Arbeit kann dir helfen, das zurückzugeben, was nie deins war, und den Platz einzunehmen, der dir eigentlich zusteht.